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1250 Jahre Kestert am Rhein

Die sehr frühe Erwähnung Kesterts als "ad Castrionis" im Jahre 755 führt zur berechtigten Annahme, dass sich an diesem
Ort eine römische Befestigung befunden hat. In spätrömischer Zeit wurden am Mittelrhein Truppen in Städten, Kastellen,
Burgi und Bergbefestigungen stationiert, unter denen sich in großer Zahl erstmals Söldner germanischer Herkunft auch
archäologisch nachweisen lassen.
Die Kontrolle des Rheins und die Verhinderung von ungewollten germanischen Flussübergängen durch die in Mainz
stationierte Rheinflotte wurden zusätzlich durch eine Vielzahl von Burgi auf dem rechten Rheinufer unterstützt.
Für Kestert als möglichen Standort eines weiteren Burgus im Bereich zwischen Kaub und Lahnstein spricht, dass es
einen vorgermanischen Namen führte, zum Fiskus Boppard gehörte und die Georgskirche über ein altes Patrozinium
verfügt.
Bei der Ersterwähnung handelt es sich um eine für das von Bonifatius (+754) gegründete Kloster Fulda gemachte
Schenkung, die in einer in Urmitz ( Auromuncio) ausgestellten undatierten Urkunde festgehalten wird. In ihr übertragen
Rathari und seine Frau Asperin ihren Besitz in der Mark Boppard nahe bei Kestert dem Kloster Fulda zum Heil ihrer
Seelen. Als Schenkungsgüter werden Hütten, Weingärten, Ländereien, Wiesen, Wälder, Felder, Gewässer und Bäche,
die bei dem als villa bezeichneten Ort lagen, aufgelistet.
Die definitive Festlegung auf das Jahr 755 als Ausstellungsdatum der Urkunde erfolgte 1876 durch den Koblenzer
Archivar Adam Görz. Erst rund 350 Jahre später, wiederum im Zusammenhang mit einer Schenkung wird der Ort ein
zweites Mal genannt: 1110 überträgt Erzbischof Bruno von Trier vier von Lambert von Wellmich erkaufte Weinberge
zu Kestert an das Hospital zu Koblenz.
Veräußerungen aus Reichsgutbesitz häufen sich im 12. und 13. Jahrhundert. So wird der über Kestert (Niederkestert)
auf der Rheinhöhe gelegene Hof Oberkestert im Jahre 1140 vom Reichsministerialen Embrico von Bornhofen an die
von der Abtei Siegburg neu gegründete Zelle Hirzenach vermacht.
Die Zeit der Reichsunmittelbarkeit und den damit verbundenen Vorteilen sollte sich bald dem Ende zu neigen. Zwar
bestätigte der nach dem Interregnum neu gewählte König Rudolf von Habsburg 1273 denen zum Bann der Reichsstadt
Boppard gehörenden Ortschaften ihre Freiheiten und Privilegien, wie sie auch schon zu Zeiten des Stauferkönigs
Friedrich II. Bestand hatten, doch ging der Fiskus Boppard im Jahre 1312 auf dem Wege der Verpfändung verloren, als
sich Kurtrier dieses Gebiet sicherte, 1648 endgültig seinem Territorium einverleibte und bis 1802 behielt.
In der Frühzeit gehörte Kestert auch im kirchlichen Bereich zur Großpfarrei Boppard, aus der sich nach und nach die
Pfarreien und ihre Filialen als eigenständige Körperschaften herauslösten.

Die Gemeinde bildete im 14. Jahrhundert einen Pfarrverband mit Dahlheim und Prath, in dem Kestert im Laufe des
16. Jahrhunderts Dahlheim in der Position der Mutterkirche ablöste. Bereits zuvor wurde Kestert im Laufe der Trierer
Bistumsfehde zwischen Raban von Helmstädt und Ulrich von Manderscheid stark in Mitleidenschaft gezogen.
Die Georgskirche und Teile des Ortes brannten ab. In zwei von der Herrschaft ausgestellten Bittbriefe der Jahre 1437 und
1438 forderte man die umliegende Bevölkerung zu Spenden für die Errichtung eines neuen Kirchengebäudes auf, das,
nach Lage der Dinge, wegen knapper Geldmittel so unsolide gebaut war, dass es bereits 1778 wieder niedergelegt werden
musste. Die 1779 vollendete, neue und noch bestehende St. Georgs-<wbr>Pfarrkirche erhielt dabei einen mehr innerörtlichen
Standort. Neben der Bistumsfehde wurde Kestert vor allem im 30jährigen Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen. 1632
zogen die Schweden auch in Kestert ein, zerstörten das Pfarrhaus und Teile der Pfarrliteralien, einen Großteil der
Privathäuser, verwüsteten die Weinberge und töteten viele Bewohner, so dass sich 1637 lediglich 17 Familien am
Ort befanden.
Die Bevölkerungszahl hatte sich damit gegenüber 1563 um die Hälfte reduziert. In der Endphase des 2. Weltkrieges
zeitigte der "Krieg in der Heimat" ähnliche Auswirkungen: zerstörte Häuser und 5 Opfer unter der Zivilbevölkerung.
Nach der kurtrierischen Amtsbeschreibung von 1784 besaßen Kestert und Oberkestert zusammen 85 Familien,
78 Häuser und 5 Scheunen, Oberkestert allein 5 Haushaltungen, wozu 2 Hofbeständer des Herrn Waldenburg genannt
Schenkern, vor 1742 der Hilchen von Lorch, und 2 Hofbeständer der Propstei Hirzenach gehörten.
Mit der Flucht des letzten Kurfürsten von Trier, Clemens Wenzeslaus, am 5. Oktober 1794 aus Koblenz vor den
heranrückenden französischen Revolutionstruppen begann die Auflösung des alten Kurstaates.
Am 29. November 1802 entband Clemens Wenzeslaus seine Beamten und Untertanen von ihrem, ihm geleisteten Eid.
Der rechtsrheinische Teil des Amtes Boppard wurde dem Fürsten Friedrich Wilhelm von Nassau-<wbr>Weilburg zugeteilt.
Die Kesterter, die fast 500 Jahre lang zu Kurtrier gehörten, wurden nun nassauische Untertanen, in den Herzog
Friedrich August und Fürst Friedrich Wilhelm vom Rheinbund verliehenen Ländern. Die Revolution von 1848 zeitigte
in Kestert Wirkung, als der obrigkeitliche Schultheiß abgesetzt und durch ein sechsköpfiges "Sicherheitscomittee" ersetzt
wurde, das für einige Monate die Gemeindevertretung übernahm.
Der 22. Februar 1862 markierte insofern einen wichtigen Meilenstein, als durch die Inbetriebnahme der nassauischen
Staatsbahn zwischen Rüdesheim und Lahnstein eine Öffnung der Außenwelt einherging und Kestert eine Bahnstation
erhielt. Nach der Einführung der Kreisordnung für die Provinz Hessen-<wbr>Nassau im Jahre 1885 gehörte die Gemeinde
Kestert zu Kreis St. Goarshausen. Nach der Bildung des Landes Rheinland-<wbr>Pfalz gliederte sich Kestert in den Kreis
St. Goarshausen, Regierungsbezirk Montabaur ein. 1966 bis 1972 bestand eine gemeinschaftliche Bürgermeisterei Kamp
und Kestert mit hauptamtlichem Bürgermeister. 1972 brachte die Verwaltungsreform für Kestert folgende
Neuerung: die Gemeinde, mit nunmehr ehrenamtlicher Bürgermeisterstelle, wurde der Verbandsgemeinde Loreley
unterstellt.
Die Haupterwerbsquelle der Kesterter war seit jeher der Wein, während auf den Höfen zu Oberkestert Ackerbau und
Viehzucht betrieben wurden. Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich durch den Ertragsrückgang im Weinbau und das
verstärkte Auftreten von Rebschädlingen ein Wandel in der Art der Bodennutzung. Süß-<wbr> und Sauerkirschen, Erdbeeren.
Äpfel, Birnen, Pflaumen und Aprikosen wurden nun in der Hauptsache angebaut, so dass Kestert in den 1960er Jahren
zum Marktführer für Süßkirschen der Absatzgenossenschaft Niederlahnstein aufstieg. Der Verfall der Obstpreise,
Ende der 1970er Jahre, führte auch hier zu einem raschen Niedergang.
Heute ist Kestert ein aufstrebender, seit 1981 anerkannter Fremdenverkehrsort im zum Welterbe ernannten
Oberen Mittelrheintal.

Literatur: Monschauer, W., Chronik von Kestert, Bad Ems 2004.